Kleine Geschichte zur Mediation oder: warum 1 und 1 auch 3 sein kann

Stellen Sie sich doch einmal folgende Situation vor:

Sie haben einen anstrengenden Tag hinter sich und fahren nun mit dem Auto über Land nach Hause. Es ist Herbst, die Blätter der Bäume sind schon bunt gefärbt und die Sonne verbreitet noch ein warmes Licht, als Sie an einem Feld vorbei kommen, an dem ein Schild steht: “Kürbisse zu verschenken“. Auf diesem Feld liegt nur noch ein großer Kürbis, um den drei Menschen herumstehen, die allem Anschein nach erregt miteinander diskutieren. Als sie ihren Wagen sehen, laufen sie zur Straße und halten Sie an.

Die Drei sind völlig außer sich und erzählen ihnen, dass sie fast gleichzeitig diesen großen, schönen Kürbis entdeckt haben und jeder von ihnen den Kürbis haben will, da jeder ihn dringend braucht und ein anderer einfach nicht mehr zu bekommen ist.

Sie hätten sich jetzt schon so lange gestritten und wären zu keiner Lösung gekommen und bevor sie nun auch noch handgreiflich gegeneinander werden, sollen Sie nun entscheiden, was passiert. Die Drei sind so verzweifelt, dass sie ihnen versichern, dass sie mit jeder ihrer Entscheidungen einverstanden sind, da sonst keine Ruhe zwischen ihnen eintreten würde.

Sie könnten jetzt natürlich weiterfahren, denken, was geht mich das an und den Streit der Drei vollständig eskalieren lassen, aber nehmen wir einmal an, Sie bleiben da.

Was können Sie nun tun, um dieser Situation gerecht zu werden?

  • Sie könnten jetzt hergehen und den Kürbis in drei gleich große Stücke teilen, so dass jeder einen gleichen Teil des Kürbisses erhalten würde. Das könnte eine gerechte Lösung sein.
  • Sie könnten versuchen heraus zu bekommen, wer den Kürbis als erster gesehen hat und dann diesem den Kürbis geben, auch das mag gerecht sein.
  • Sie können würfeln und dem Kürbis an den geben, der die höchste Zahl hatte und daher den Zufall entscheiden lassen, auch das könnte eine Lösung sein.

Möglichkeiten der Lösung gibt es sicherlich viele. Sie könnten sich auch ganz anders verhalten und die Drei ihr Problem selbst lösen lassen, indem Sie im Sinne der Mediation nicht für sie entscheiden, sondern ihnen bei der Lösung helfen.

Seien Sie doch neugierig und fragen Sie einfach mal nach, wieso es jedem von den Dreien denn so wichtig ist, den Kürbis für sich zu bekommen.

Vielleicht wird ihnen der eine, ein junger Mann, dann sagen, dass er den Kürbis dringend für eine total leckere Kürbissuppe nach einem neuen Rezept braucht und dass das genau die Sorte Kürbis ist, die hierfür notwendig ist und es für ihn so wichtig ist, da er doch endlich einmal zwei Freunde in seine hierfür eigentlich viel zu kleine Wohnung eingeladen hat und ihnen schon von der tollen Suppe vorgeschwärmt hat und er sich jetzt nicht vor seinen Freunden blamieren will, wenn das schon wieder nichts wird.

Die zweite, eine junge Frau, wird ihnen vielleicht sagen, dass sie den Kürbis unbedingt braucht, um gemeinsam mit ihren Kindern den Kürbis als Halloweendekoration auszuhöhlen. Sie wird Ihnen sagen, dass dieser Kürbis dafür genau die richtige Größe hat und sie es ihren Kindern doch versprochen hat und da sie alleinerziehend ist, sich um alles kümmern muss und es jetzt schon so spät ist, dass der Laden, zu dem sie eigentlich wollte, zu hat. Es sei für sie einfach wichtig den Kürbis zu bekommen, um mit ihren Kindern, wie versprochen, basteln zu können, wo sie doch sowieso schon so wenig Zeit für sie hat, die dann auch noch meistens mit kochen und putzen der großen Wohnung drauf geht, in der sie nach der Trennung wegen der Kinder geblieben ist.

Der Dritte, ein älterer Mann, schließlich könnte ihnen sagen, dass er die Kürbiskerne gerade dieses Kürbisses gern rösten und knabbern möchte, da sein Arzt ihm dazu geraten hat und es schließlich für seine Gesundheit wichtig ist, dass er deshalb den Kürbis bekommen muss, wo er doch sonst schon immer Probleme hat und nach dem Tode seiner Frau ganz allein auf sich gestellt ist.

Vielleicht würde dies passieren, wenn Sie einfach neugierig sind und nachfragen und vielleicht hätten sich die drei auch gegenseitig zugehört und wären dann darauf gekommen, dass es doch eigentlich ganz einfach ist, eine für sie alle zufriedenstellende Lösung zu erreichen.

Die junge Frau hätte vielleicht vorgeschlagen, dass doch alle zunächst mit zu ihr kommen, Platz hätte sie ja genügend, und dort der Kürbis ausgehöhlt wird, damit der junge Mann das Fruchtfleisch und der alte Herr die Kerne bekommen kann. Der junge Mann hätte dann vielleicht noch gemeint, dass der Kürbis für ihn und sein Freunde ja eigentlich zu groß sei und er dann doch die Suppe gleich dort kochen könne, dann könne sich die junge Frau das Kochen sparen und hätte mehr Zeit zum Basteln mit ihren Kindern. Die junge Frau hätte daraufhin vielleicht gesagt, dass er dann doch auch gleich seinen Freunden Bescheid sagen könnte, dass sie in ihre Wohnung kommen und sie dann zusammen essen können, der alte Mann könne dann natürlich bleiben und die Kerne könne man sicherlich gleich zusammen rösten, ein paar davon über die Suppe zu streuen, sei sicherlich sehr lecker. Der alte Mann hätte dann vielleicht auch noch gesagt, dass er früher ganz tolle Kürbismasken geschnitzt hätte und er den Kindern doch sicherlich ein paar Tricks zeigen könnte, wie sie das mit dem Kürbis am besten anstellen.

Alle hätten dann einen wunderschönen Abend mit einer leckeren Kürbissuppe verbracht, hätten erzählt und zugehört und wären zufrieden gewesen. Es könnte sogar sein, dass sich daraus noch mehr ergibt, denn manchmal ist 1 und 1 ja auch 3.

Ach so, Sie wurden natürlich ebenfalls eingeladen und haben zudem das Rezept für die Suppe mitnehmen können.